NO!art + ÜBER UNS + KÜNSTLER + AKTUELL + MANIPULATION + MAIL
Klaus Fabricius homepage VOR  WEITER  INDEX
Ausstellung suchen und finden im NO!art-Archiv

NICHTS IST ERLEDIGT #2 — Plakate von Klaus Staeck

Kurator Klaus Fabricius

KUNST IM KIOSK | Michas Lädle | Stuttgart/Heusteigviertel | Weißenburgstrasse 8

1. bis 24. September 2017 | 24 Stunden

Staeck Kunst im Kiosk Stuttgart September 2017
Staeck Kunst im Kiosk Stuttgart September 2017
Staeck Kunst im Kiosk Stuttgart September 2017

+ + + + + + + + + + + + + + + + + + + +

PRESSE

Kunst im Kiosk | Von Oliver Stenzel in: KONTEXT Wochenzeitung am 30.08.2017: Zur Bundestagswahl zeigt eine kleine Schau satirische Plakate eines Ausnahmekünstlers. Klaus Staecks Werke aus fünf Jahrzehnten sind faszinierend aktuell. "Nichts ist erledigt!" lautet denn auch der Titel der Ausstellung. Zu sehen ist sie in "Michas Lädle", einem Kiosk im Stuttgarter Heusteigviertel.

Wohl selten hat man deutsche Parlamentarier in so handgreiflicher Rage erlebt. Am 30. März 1976 stürmten mehrere Unions-Bundestagsabgeordnete, darunter der damalige Fraktionsgeschäftsführer und spätere Bundestagspräsident Philipp Jenninger, in die Räume der Parlamentarischen Gesellschaft in Bonn, rissen mehrere Plakate von Klaus Staeck von der Wand, zerfetzten sie und traten sie mit den Füßen. Wie mit einer Trophäe posierte Jenninger, von "politischer Pornographie" schäumend, für die Fotografen mit einem Plakat, das ihn und seine Kollegen besonders erbost hatte: Ein Foto von Gefangenen aus dem Fußballstadion von Santiago de Chile, das nach dem Putsch Augusto Pinochets 1973 als Konzentrationslager diente, darüber der Satz des früheren CDU-Generalsekretärs Bruno Heck: "Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm". Dazu in großen, roten Lettern Staecks polemischer Kommentar: "Seit Chile wissen wir, was die CDU von Demokratie hält."

Das Ereignis, das als "Bonner Bildersturm" bekannt wurde, hatte für Jenninger eine Verurteilung zur Schadensersatzzahlung an Staeck von 10 Mark plus 35 Mark Anwaltskosten und 18 Mark Gerichtskosten zur Folge. Zugleich zeigte es einmal mehr das Provokationspotenzial von Staecks Fotomontagen und die Treffsicherheit, mit der er Pressefotos, Motive der Bildenden Kunst oder Fotomontagen mit satirischen Statements zu pointierten politischen Kommentaren zu kombinieren verstand. Immer plakativ, aber selten platt. "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!"

Einer der bekanntesten deutschen Künstler war Staeck freilich schon vor dem "Bildersturm", sein nach wie vor bekanntestes Motiv war da schon vier Jahre alt: eine futuristische Villa mit dem Spruch "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!" Das Plakat von 1972 kannten, zumindest laut einer repräsentativen Umfrage nach der Bundestagswahl im gleichen Jahr, neun Prozent aller Erwachsenen in Deutschland. Es war eine Reaktion Staecks auf eine Kampagne der CDU gegen die SPD gewesen, im Rahmen derer den Sozialdemokraten auch unterstellt wurde, sie würden nicht davor zurückschrecken, den Leuten ihr Häuschen wegzunehmen. "Die satirische Übertreibung bis ins Absurde schien mir die angemessenste und effektivste Antwort auf diese bösartige Kampagne", findet der 79-Jährige noch heute.

So witzig viele Staeck-Motive auf den ersten Blick sind, als Teil einer "Spaßguerilla" hat er sich nie verstanden, denn das habe mit Satire nichts zu tun, betont Staeck. "Satiriker sind in der Regel ernsthafte Leute", sagt der Künstler. "Meine Definition von Satire ist: Den unverschuldet Schwachen gegen die Übermacht der Starken helfen." Die Starken, darunter die CDU oder der Rüstungskonzern Rheinmetall, hatten 41 Mal versucht, Plakate oder Postkarten von Staeck verbieten zu lassen – immer erfolglos. Mittlerweile seien solche Reaktionen auf seine Werke aber selten, sagt Staeck, "die Leute haben gemerkt, dass es für sie kontraproduktiv ist."

Und auch die ideologischen Gräben scheinen nicht mehr so tief wie in den Siebzigern. 2009 betonte der einst als "Hetzplakat-Graphiker" und "Politischer Pornograph" gescholtene Künstler, mittlerweile auch in den Reihen der CDU akzeptiert zu sein. Staeck, der von 2006 bis 2015 Präsident der Berliner Akademie der Künste war, entwirft freilich unverdrossen weiter Plakate, seine routinierte Handschrift ist auch bei neuen Motiven zu AfD oder der Finanzkrise unverkennbar. Fast noch interessanter ist, wie zeitgemäß viele seiner Plakate aus den Siebziger und Achtziger Jahren heute immer noch wirken, ob Polemiken gegen den Kapitalismus und zum Gegensatz von Arm und Reich oder Kommentare zu Militarismus oder Umweltverschmutzung.

Ausstellungsmacher Klaus Fabricius (rechts). Foto: Joachim E. Röttgers "Nichts ist erledigt!" heißt denn auch programmatisch eine am kommenden Freitag, den 1. September beginnende Stuttgarter Schau von Staecks Plakaten. "Es sind Plakate zu gesellschaftlichen und politischen Themen, die sich satirisch und bissig zeigen und an Gültigkeit nichts verloren haben", findet der Stuttgarter Künstler und ehemalige Galerist Klaus Fabricius, der die rund 30 Motive gemeinsam mit Michael Schmidt ausgewählt hat, seines Zeichens Kioskinhaber.

Nicht die erste Ausstellung in Michas Lädle

Kioskinhaber? Staecks Plakate hängen nicht in einem Museum oder in einer Galerie, sondern im Schreibwaren- und Tabakwarenladen "Michas Lädle" im Heusteigviertel. Ein Ort, der in seiner Treffpunktfunktion fürs Viertel etwas an den Brooklyner Tabakladen in Wayne Wangs Film "Smoke" von 1995 erinnert, wobei Betreiber Micha Schmidt deutlich mehr Herzlichkeit und gute Laune verströmt als der von Harvey Keitel eher stoisch gespielte Ladenbesitzer Auggie Wren. Fabricius wohnt direkt nebenan, und auf dessen Idee hin funktionierte Schmidt im Juni 2016 seine Schaufenster erstmals zur Galerie um.

Seitdem waren hier schon Werke des Stuttgarter Streetart-Künstlers Fred Collant oder des Fotografen Uwe Dietz zu sehen, Leuten aus dem Freundeskreis von Schmidt und Fabricius, denen die beiden eine Plattform bieten wollen. Daneben aber auch größere Namen, so standen im Schaufenster auch schon Druckgrafiken des Hamburger Künstlers Horst Janssen (1929-1995). "Das Ziel ist, im Viertel was zu bewegen", sagt Fabricius, und das mittels einer Präsentationsform, die 24 Stunden am Tag ohne Eintrittspreis jedem zugänglich ist, beim Vorbeigehen und Einkaufen auch von Menschen wahrgenommen wird, die sonst wenig mit Kunst am Hut haben.

Der Zeitpunkt für die neue Schau kommt nicht von ungefähr: Staecks Plakate seien "genau das Richtige zur Bundestagswahl", so Fabricius, denn die bedürfe endlich "echter Plakate, die etwas hinterfragen und kritisch sind." Auch der Kioskinhaber Schmidt ist fasziniert davon, "dass wir von Staeck einfach Plakate aus den Siebzigern nehmen können, und es ist immer noch aktuell." Bis zum Wahlsonntag am 24. September soll die Schau zu sehen sein

Staeck diskutiert im Theaterhaus über Gerechtigkeit

Staeck selbst ist von dem unorthodoxen Ausstellungsort und -konzept ebenfalls angetan: "Ich unterstütze alle kleinen Läden, solange sie noch nicht in einer großen Kette aufgegangen sind." Für die Schau gestaltete er eigens ein Motiv mit dem Ausstellungstitel "Nichts ist erledigt!". "Unser Konzept ist low-budget, und Staecks Kunst ist auch low-budget", kommentiert Fabricius – statt hoher Einzelwerkpreise ging es Staeck immer um die möglichst weite Verbreitung seiner Botschaften auf Plakaten und Postkarten. Die werden nun auch bei Michas Lädle zu moderaten Preisen zu erwerben sein.

Ob er es aber selbst zur Schaufenster-Schau schaffe, weiß der Künstler noch nicht. Staeck, seit 1960 SPD-Mitglied, ist viel unterwegs für die Wählerinitiative "Aktion für mehr Demokratie", die er 1979 mitgegründet hat. Dazu gehört auch ein Termin an diesem Mittwoch, den 30. August, in Stuttgart: Mit SPD-Landeschefin Leni Breymeier, Werner Schretzmeier und Peter Grohmann diskutiert Staeck im Theaterhaus "Über Gerechtigkeit". Für "Michas Lädle" wird es wohl nicht die letzte Staeck-Schau sein. Zum 80. Geburtstag des Künstlers am 28. Februar 2018 ist schon etwas geplant. Nicht der schlechteste Anlass, gelegentlich dort vorbeizuschauen und sich neben Zeitungen, Getränken, Zigaretten oder einem Schwätzchen auch einen Happen Kunst zu genehmigen.

"Nichts ist erledigt", 1.-24. September, Michas Lädle, Weißenburgstraße 8, Stuttgart-Mitte; Vernissage: Freitag, 1. September, 18-20 Uhr.

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Denkanstöße statt Dekoration | Von Christoph Kutzer in Stuttgarter Zeitung am 19.09.2017: In Michas Lädle für Zeitschriften & Tabak kommen kunstinteressierte Kunden auch beim Blick ins Schaufenster auf ihre Kosten. Frisch zur Wahl zeigt der Inhaber provokante Plakate von Klaus Staeck.

Es ist Schulanfang. Wer Schreibwaren führt hat sein Schaufenster mit Grundbedarf für ABC-Schützen ausgestattet. Andernorts dominieren die Titelseiten aktueller Zeitschriften das Bild. In der Auslage von Michas Lädle erregt ein Sack mit der Aufschrift „Sand fürs Getriebe“ die Aufmerksamkeit der Passanten: Ein Werk von Klaus Staeck. Noch bis zur Bundestagswahl zeigt Inhaber Michael Schmidt unter dem Motto „Nichts ist erledigt“ Arbeiten des Künstlers, dessen provokante Plakate mit Slogans wie „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!“ längst legendär sind.

„Wir haben ihn einfach gefragt, ob wir seine Sachen ausstellen können“, schildert Schmidt den erstaunlich unkomplizierten Weg zur Ausstellung in der Weißenburgstraße. „Nachdem ein paar Modalitäten geklärt waren, konnte es losgehen, auch weil Staeck das Konzept gefiel.“ Die Idee zur Kunst im Kiosk verdankt sich Klaus Fabricius, dessen Arbeiten ebenfalls schon bei Micha präsentiert wurden. „Er bringt den Sachverstand mit“, beschreibt Schmidt die Rolle seines Kultur-Kompagnons. „Ich selbst kann nur sagen, ob mir etwas gefällt oder nicht.“ Die Auswahl, die beide gemeinsam treffen, stößt in der Regel auf die Gegenliebe der Kunden.

Nur einmal kam es zu einer unschönen Szene, als sich eine Dame an einem Motiv des Stuttgarter Künstlers Hartmut Hörmann stieß. „Die hat mir verbal regelrecht eine verpasst“, erinnert sich Schmidt. „Natürlich muss man mit solchen Reaktionen rechnen, wenn man nicht nur gefällige Arbeiten ausstellt. Das zeigt ja auch, dass bewusst wahrgenommen wird, was hier im Schaufenster geschieht. Einen Moment hat es aber trotzdem an mir genagt.

Treffpunkt für die Anwohner

Die Frau, die kurz darauf Michas Lädle entert, ist nicht auf Krawall aus. Sie sucht Rat, weil ihr Mann Probleme mit seinem Füllfederhalter hat. Michael Schmidt nimmt sich Zeit für die Beratung. Der Umgangston ist fast familiär. „Hier war schon zu Zeiten des Vorbesitzers ein Treffpunkt für die Anwohner“, erklärt er. Entsprechend einfach sei es gewesen, Fuß zu fassen. Dass die Klientel sehr gemischt ist und vom Tellerwäscher bis zum Millionär reicht, hat ihm die bisherigen Jahre im Heusteigviertel versüßt. „Es ist schön, dass die Leute auch durch den Laden in Kontakt kommen“, schwärmt der 40-Jährige. „Bei einer Ausstellungseröffnung gibt es immer ein kleines Beisammensein. Da kommen dann auch Menschen ins Gespräch, die sich im Alltag kaum begegnen würden. Die Kunst führt sie zusammen. Dabei sind auch schon echte Freundschaften entstanden. Das zu beobachten ist für mich der schönste Lohn.“

Dass in der Nachbarschaft viel ein- und ausgezogen wird, stört den gelernten Restaurantfachmann keineswegs. „Ich fände es langweilig, fünf Jahre lang jeden Tag nur die gleichen Gesichter zu sehen“, sagt er. „Stammkunden sind klasse, aber etwas Abwechslung tut gut.“ Auch im Schaufenster. Street-Art von Fred Collant fand dort in der Vergangenheit ebenso ihren Platz wie Grafiken von Horst Janssen. Dass die Staeck-Plakate kurz vor der Bundestagswahl gezeigt werden, ist kein Zufall. „Ich war überrascht, wie viele seiner jahrzehntealten Arbeiten immer noch aktuell sind“, zeigt sich der Hausherr von Michas Lädle beeindruckt. „Das ist für die politische Orientierung wahrscheinlich hilfreicher als jedes TV-Duett. Trotzdem sind die Motive nicht einseitig parteipolitisch. Ich mache keinen Wahlkampf. Privat habe ich natürlich meine Meinung, aber hier möchte ich mich, was das angeht, eher raushalten und einfach meine Zeitungen verkaufen.“

Quelle: http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.s-sued-ausstellung-denkanstoesse-statt-dekoration.c56ad491-a80b-42bb-b99f-0623997755f5.html

____________________________________________________________________________________
© http://fabricius.no-art.info/ausstellungen/2017-09_staeck-nichts-ist-erledigt.html