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Könnte aber doch
Ausstellung der Künstler*innenmitglieder

Württembergischer Kunstverein | 70173 Stuttgart | Schlossplatz 2
24. August - 22. September 2019
https://www.wkv-stuttgart.de/programm/2019/ausstellungen/koennte-aber-doch/#c10506

Fabricius: Portrait-Blüten, 2017
Ausstellungsbeitrag

Einführung

Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben.
Robert Musil, Mann ohne Eigenschaften, 1930

Rund die Hälfte aller Mitglieder des Württembergischen Kunstvereins sind Künstler*innen. Vor diesem Hintergrund richtet der WKV – als mittlerweile einer der wenigen Kunstvereine – im Zweijahresturnus Ausstellungen der Künstler*innenmitglieder aus. Die Schau unterliegt keiner Juryauswahl, sondern ist lediglich an ein vorgegebenes Thema gebunden.

Nichts, was ist oder war, ist notwendig so, wie es ist oder war. Es könnte auch ganz anders (gewesen) sein. Auf diesen Überlegungen fußend findet vom 24. August bis 22. September 2019 mit rund 300 Teilnehmer*innen die diesjährige Mitgliederausstellung statt und zielt auf eine künstlerische Verhandlung des Konjunktivs „könnte aber doch“ ab. Die Lesart der Gegenwart manifestiert sich in der Geschichtsschreibung, die in ihrer Selektion und Fokussierung meist einem ideologischen System zuspielt. In diesem Kontext ist es der Kunst möglich, auf ironische, politische aber auch aktivistische Weise alternative Weltmodelle zu entwerfen, in denen die Vergangenheit als Möglichkeit neu erfunden werden kann. Dieser Möglichkeitssinn reißt eine ebenso schöpferische wie kritische Lücke in das Gegenwärtige, eine Lücke, die zugleich das Gewesene mit dem Kommenden verkoppelt, also mit einer Zukunft, von der wir noch gar nichts wissen können. In diesem Kontext sei auf die junge Generation zu verweisen, der es, so wird es von den Älteren oftmals kolportiert, angeblich an Lebenserfahrung und damit an Weitsicht fehle. Was diese jungen Menschen momentan ein- und zurückfordern, ist eine Zukunft, die ihnen derzeit entzogen wird. Sie klagen eine Generation an, die sich trotz oder wegen ihres kritischen Denkens an jene ökonomischen, industriellen, militärischen, und politischen Verhältnisse gewöhnt und angepasst hat, die jede zukünftige Lebensgrundlage gänzlich zu zerstören vermögen. Der Möglichkeitssinn, der uns Dank dieses Aufstands und mit Blick auf die vergangenen Europawahlen entgegenschlägt, zielt auf den Bruch mit dem scheinbar Faktischen und auf die Forderung, „alles was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.

Das breite Spektrum an Arbeiten, welche von Malerei, Fotografie über Installation und Video bis hin zu Performances reichen, spiegelt die Vielfalt der rund 300 Teilnehmer*innen wider, welche eigens für Könnte aber doch Werke erarbeitet haben. In einem breit angelegten Rahmenprogramm finden am Eröffnungswochenende und während der Laufzeit der Ausstellung zahlreiche Lesungen, Vorträge, Performances und Lecture-Performances der Künstler*innenmitglieder statt.

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PRESSE

Mitgliederausstellung im Kunstverein Aufstand der Möglichkeiten
Der Württembergische Kunstverein in Stuttgart präsentiert unter dem Motto „Könnte aber doch“ die Jahresausstellung der Mitglieder. #
Die Auswahl überzeugt.

Von Julia Lutzeyer | Stuttgarter Zeitung | 25. August 2019

Stuttgart - In einer Welt vermeintlicher Fake-News und alternativloser Positionen, die sich unverrückbar gegenüberstehen, einigten sich die Künstlerinnen und Künstler des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart auf das Thema „Könnte aber doch“. So lautet der Titel ihrer am Freitag im Vierecksaal des Kunstgebäudes eröffneten Mitgliederausstellung, die alle zwei Jahre stattfindet und bewusst unkuratiert ist – als Bekenntnis zur Vielfalt der künstlerischen Positionen und als Gegengewicht zu den Setzungen der Direktoren Iris Dressler und Hans D. Christ, wie dieser selbst bekannte.

Christ ließ sich aus dem norwegischen Bergen zuschalten und verriet, dass die Wendung „Könnte aber doch“ einem Video von Alexander Kluge entnommen ist. Vor rund zwei Jahren war es ein unvergesslicher Beitrag der Ausstellung „Gärten der Kooperation“. Darin insistiert ein Kammersänger darauf, dass eine tragische Oper bei jeder Aufführung letztlich auch eine andere Wendung nehmen könnte.

Bewusst gibt es keinen Kurator
Diesem Möglichkeitssinn spüren nun rund 300 teilnehmende Künstlerinnen und Künstler in eigens dafür geschaffenen oder bereits entstandenen Werken nach, deren bunte Mischung auf den ersten Blick an das qualitativ allzu heterogene Angebot eines Kunst-Basars erinnert. Doch dann entpuppt sich gerade die Zusammenschau als anregende Fügung, die ein Netz an Bezügen herstellt und eigene Assoziationen weckt. Da gibt es eine Gruppe über Müll, kosmische und typografische Allianzen, Reflexionen über das Helfen in der Not, Beiträge über Migration und sogar eine Erotikecke. Die Möglichkeiten, sie verdichten sich zu einem Aufstand gegen die Zumutungen des aktuellen Weltgeschehens.

Ob lapidar oder komplex: Hier befindet sich jeder künstlerische Beitrag – egal ob Malerei, Grafik, Fotografie, Plastik, Video, Installation oder Text – in bester Gesellschaft. Es macht Spaß, diese mit der Hängung geschaffenen Umgebungskontexte, die ihrerseits als kreative Beiträge gelesen werden können, zu ergründen und weiterzuspinnen. Gerade weil sie nie vollendet sind, sondern dem genannten Möglichkeitssinn Raum geben.

Das Konzept geht auf
Dieses Prinzip der inhaltlichen Verknüpfungen geht auch deshalb auf, weil erstaunlich viele Kunstschaffende gegenständlich und konzeptionell arbeiten. Doch sollte man sich von scheinbar Traditionellem nicht täuschen lassen. So tragen etwa die geschnitzten Holzköpfe von Karen Bayer QR-Codes, die einen mit animierten Filmen verlinken und damit ins Digitale entführen. Auch Jan-Hendrik Pelz‘ auf das Jahr 1938 datierte Ölgemälde „Hilfe mit dem Hemd“ legt mit zwei Jünglingen in Nazi-Montur eine falsche Fährte im Kunstverein. Die Figuren mögen auf den ersten Blick wie Napola-Sprösslinge wirken, ihre Gestik aber ist liebevoll intim und bringt sogar eine pazifistische, noch dazu homoerotische Haltung ins pseudohistorische Geschehen. So wird Geschichtliches im Stil der neuen Sachlichkeit überschrieben. Nicht wenige Arbeiten machen sich den Titel der Ausstellung zu eigen. Etwa eine interaktive Installation von Patricia Otte, die den Besuchern erlaubt, Notizen zu hinterlassen und das Werk mitzugestalten. Erstaunlich, wie wenig Künstler diese Möglichkeit ausschöpfen. Die Präsentation aber bleibt nicht folgenlos für das jeweilige Werk. Es lässt sich kaum mehr auf sich allein gestellt denken.

Quelle: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.mitgliederausstellung-im-kunstverein-aufstand-der-moeglichkeiten.abcbccb3-810c-41d9-ab3e-8d57bfb70082.html

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