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KEINE KOMPROMISSE

Boris Lurie im Jüdischen Museum Berlin | 16.03.2016

Lurie-Plakat Ausstellung Berlin 23016

Das Jüdische Museum in Berlin zeigt die bisher größte posthume Retrospektive des NO!art-Künstlers Boris Lurie. Mit der Ausstellung lädt das Museum ein, den kompromisslosen Künstler und sein hochaktuelles Werk zu entdecken. Als Ankläger von Rassismus, Sexismus und Konsumkultur schuf er Arbeiten, die gleichermaßen Entsetzen wie Faszination hervorrufen.

Lurie, geboren 1924 in Leningrad, übersiedelte wegen der aufkeimenden politischen und stalinistischen Veränderungen in Russland mit seiner Familie 1925 nach Riga (Lettland). Schicksalhaft kam es zur Trennung der Familie nachdem die Deutschen Truppen das Baltikum besetzt hatten. Mutter, Schwester und seine Jugendliebe wurden durch die SS bei Massenerschießungen ermordet. Lurie und sein Vater wurden zur Zwangsarbeit gezwungen und in verschiedenen Gettos versklavt. Die Errettung kam erst am 11. April 1945 durch die Befreiung des Außenlagers KZ Buchenwald durch die amerikanische Armee zustande. 1946 wanderten sein Vater und er in die USA, und zwar nach New York aus.

Eintritt in die Ausstellung erhält nur derjenige, wer vorab die Sicherheitskontrolle ohne Alarm passieren konnte. Beginnend mit den Zeichnungen seiner Erinnerungen, die Lurie in der „War Serie, 1946“ zum Ausdruck brachte, wird in der Ausstellung im Block quasi eine Fensterfassade gebildet mit Ansichten auf sein Innerstes – autodidaktisch, noch etwas starr, vielleicht unbeholfen, aber in so manchem Blatt ausdrucksstarke Wirkung erzielend

Es fällt nach dieser Betrachtung gleich angenehm auf, ohne auf die anderen Bilder im Einzelnen zu achten, dass die Wände der verschiedenen Ausstellungsräume farblich entweder in orange, schwarz oder weiß gefasst sind. Sie geben den Bildern und Zeichnungen in ihrer frei konzeptionell angenehmen Hängung Intimität, Zusammenhalt und eine beruhigende Atmosphäre. Und die ist angebracht! Sobald nämlich der Besucher, von Neugier gepackt, sich auf die Kunst von Lurie einlässt und erkennt, was im ersten Augenblick zur Betrachtung kommt, muss er in Schockstarre verharren und oder in schieres Entsetzen verfallen. Denn was da von Lurie collagiert, gemalt und übermalt auf Papier und Leinwand gezeigt wird, handelt von der Selbsterfahrung des überlebten Grauens

Dieser Museumsbesuch hat es in sich. Unerträglich zu Anfang, auch für den, der denkt und sich sicher glaubt, dieses Leichenbündel in Flatrate oft genug in den Medien gesehen zu haben, um davon unberührt zu sein. Das Warum ist begründet in der Papiercollage von 1963 „Railroad to America“, in der Blattgröße von 37x54cm. Hier streckt uns, knietief in gestapelten, knochigen Leichenteilen in einem Eisenbahntransportwagon stehend, eine junge Frau ihren nackten Hintern lasziv und provokant entgegen. Die nackten Brüste, die wir nicht sehen können, sind dem Leichenberg zugewandt. Das ist ungeheuerlich verstörend. Dieses Blatt greift ein Motiv auf, dass Lurie 1961 ohne Weiblichkeit mit „Flat Car Assemblage 1945 by Adolf Hitler“ betitelte. Die Frau und ihre sexuelle Potenz bleibt in seinem Oeuvre Bildgegenstand, lässt ihn nie mehr los und findet in den 1960er Jahren mit den riesigen „Pinups“ aus zusammengeklebten, illustrierten Fotos immer wieder auf die Leinwand. Andere Themen in Serie sind die „Love Series“ oder „Flags“. Koffer, Messer und Äxte sind Skulpturen, die in einem rücklinks bespiegelten Raum arrangiert sind

Bis zum Ende der 1960er Jahre überschreibt Lurie seine Werke häufig illustrativ mit Parolen oder benutzt oftmals die Worte „God“, „Piss“ und häufiger auch „NO“. Das NO wird NO! und dann ein NO!art. Letzteres ist eine Kunstrichtung, in der ihre Begründer, nämlich Boris Lurie, Sam Goodman und Stanley Fischer, ihre Ansichten verifizierten. Als Gruppe organisierten sie anfangs Ausstellungen in der March Gallery in Downtown New York, aus denen dann die NO!art-Bewegung entstand. Sie kämpften gegen die damaligen Trends wie u.a. gegen abstrakten Expressionismus und Pop Art und nutzten ihr Werk, um Faschismus, Rassismus und Imperialismus in der Politik zu attackieren

"Der Preis für die Kollaboration in der Kunst ist – wie in den Konzentrationslagern –, dass man im Exkrement erstickt. Nicht durch Nachgeben, Distanz, Kalt-Bleiben, Passivität oder durch Langweile entsteht große Kunst – was immer uns die Zyniker erzählen –, sondern die geheimnisvolle Zutat ist etwas, was man schwer erlernen kann, nämlich Mut." (Boris Lurie)

Seine Arbeiten aus den 1950er Jahren haben eine Kraft und Qualität, die an Francis Bacon denken lassen. Hier ist „Dismembered Woman: The Stripper“ besonders zu erwähnen. Und „Now, No More“ von 1962 nimmt die zeitgenössische Malerei eines Jean-Michel Basquiat vorweg. Ein Videoraum mit Filmen zu und Statements von Boris Lurie bringen den Künstler und dessen Leben im Verweilen näher. Dass es Lurie möglich war, nie vom Kunstverkauf leben zu müssen, gab ihm die nötigen Freiheiten das zu tun, was er in der Kunst bedingungslos als oberstes Gebot ansah: „Keine Kompromisse!“

Boris Lurie starb am 7. Januar 2008 in New York. Was bleibt… ist die Detonation von Kunst einer so beispiellosen, kraftstrotzenden und subtilen Art. Und ein liebevoll entrückter Augenblick, der im „Portrait of my mother before shooting“ denjenigen aus der Ausstellung entlässt, der im Rückwärts gewandeten Blick fähig ist, das Grauen und das Gute zu reflektieren.

Buchtipp: Geschriebigtes/Gedichtigtes, erschienen zur Ausstellung 1998 in der Gedenkstätte Buchenwald, E. Holzboog Verlag, ISBN 3-9807794-0-8

Filmpremiere: Über die Kunst des Boris Lurie. 21. März 2016 von und mit Regisseur Rudij Bergmann. Rudij Bergmann, bekannt durch zahlreiche ARTE-Filme über Künstler von Max Beckmann bis Neo Rauch, hat in Korrespondenz mit der Ausstellung einen sehr persönlichen Film geschaffen, der heute, acht Jahre nach Luries Tod, Premiere feiert

Internet Webseite: NO!art.info | Sehr empfehlenswert, mit einer Fülle an Informationen, Dokumenten, Texten, Bildern und Videos, bereitgestellt von Dietmar Kirves, einem langjährigen Freund von Boris Lurie und Verbündeter der NO!art.

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